Der Poker Psychotherapeut: konvergentes/divergentes Denken
Februar 25, 2009
Wir waren wohl alle sehr erstaunt, als Daniel im TV unter Beweis stellte, daß er in der Lage ist unglaubliche Reads zu machen! Wer möchte nicht mal sagen:” Ich folde meine Quads gegen deinen Royal Flush” und dann auch noch mit seiner Vermutung richtig liegen? Aber seien Sie vorsichtig, so zu spielen und so unterhaltsam zu sein, wie ein professioneller Poker-Spieler birgt auch gewisse Gefahren in sich. Zu versuchen ein guter “Reader” am Pokertisch zu sein, kann sie viel Geld kosten.
In der Psychologie sagt man, daß wenn jemand versucht eine perfekte, exakte Antwort zu finden, er versucht konvergent zu Denken. In diesem Prozess versucht eine Person die einzig wahre und korrekte Antwort auf eine Frage zu finden, wie z.B. eine Antwort auf die Frage: “Wie hoch ist die Geschwindigkeit eines Kometen”. Aber konvergentes Denken ist nicht immer die beste Lösung, vor allem, wenn die Frage lautet: „Was hat mein Gegenspieler auf der Hand?”.
Uns allen, wurde in unserer “Lernphase” beigebracht, daß wir unseren Gegner lesen müssen und versuchen sollten ihn auf eine bestimmte Hand-Range zu setzen. Diesen Prozess nennt man divergentes Denken, wobei man darunter einfach versteht, daß man versucht auf eine Frage so viele Antworten zu finden, wie nur möglich. Divergentes Denken ist z.B. beim Start eines Forschungsprojektes sehr hilfreich, es werden die möglichen Antworten gesucht und man kann so feststellen, auf was man alles vorbereitet sein muss. Aber wichtiger für unser Pokerspiel ist die Tatsache, daß man durch divergentes Denken feststellen kann, daß es mehrere Antworten auf die Frage:” Was hat er auf der Hand” geben kann.
Viele Spieler eröffnen mit einer sehr breiten Hand-Range und wenn Sie Ihre Gegner zu schnell auf eine bestimmte Hand-Range festlegen, kann dies unter Umständen dazu führen, daß Sie richtige Probleme bekommen. Wenn Sie einen Spieler Preflop auf A-K setzen und der Flop mit J-4-2 kommt, werden Sie mit Sicherheit mit jedem Paar hoch setzen. Wenn Sie Ihren Gegner auf A-J oder ein mittleres Paar gesetzt haben, sind Sie jetzt in einer Situation, in welcher Sie sehr vorsichtig sein müssen.
Der zweite Teil des divergent/konvergent Prozesses besteht darin, sich nicht zu sicher zu sein. Ich kenne einen sehr erfolgreichen NLHE Cash Game Spieler, welcher sich immer mit dem Maximum Buy-In an den Tisch setzte und versuchte seine ersten zwei oder drei Hände zu verlieren. Wirklich – er spielte sehr loose und zeigte seine Hände während der ersten Runden am Spieltisch sehr oft. Er bestellte lauthals Drinks und flirtete ungeniert mit den Bedienungen. Er versuchte den Spielern am Tisch den konvergenten Read zu vermitteln, daß er loose, aggressiv spielt und an sich nicht der Hellste ist. Er versuchte den anderen Spielern zu vermitteln, daß er laut, ungehobelt wäre und soviel Geld hat, daß es am Spieltisch für ihn keine Rolle spielt.
Wenn man divergent über diese Angelegenheit nachdenkt wird man entweder zu dem Ergebnis kommen “Ja, er ist ein Idiot und eine Cash Maschine” oder “Nein, er spielt uns das nur vor und verliert extra, um später dann richtig zu gewinnen”. Raten Sie mal, was die meisten denken? Es funktioniert.
Sie wollen nun also alles offen lassen und denken divergent. Sie befinden sich nun in einer Showdown Situation und lassen sich die einzelnen Einsätze noch einmal durch den Kopf gehen: “Kann er meinen Eröffnungseinsatz mit einer 3 auf seiner Hand gecallt haben? Ich könnte seine 2 Paar schlagen, wenn er aber 3′er Trips hat, ist er der Gewinner…”. Wenn Sie sich diese Hand nun durch den Kopf gehen lassen, um entscheiden zu können, ob Sie den hohen Call am River machen sollten, wird Ihnen die divergente Denkweise einige Vorteile bringen. Wenn z.B. A-3 eine Hand wäre, welche Ihr Gegner preflop haben könnte, dann sollten Sie am River vorsichtig sein. Wenn Sie aber diesen Spieler schon seit längerer Zeit beobachten und einen Read auf ihn haben, daß er keine Asse mit kleinem Kicker nach einem Eröffnungsraise spielt, dann können Sie durch die divergente Denkweise A-3 ausschließen und den Call am River machen.
Die divergente Denkweise funktioniert in beide Richtungen. Sie lassen sich nicht nur selbst alle Möglichkeiten offen, sondern Sie können auch eine Menge Draws ausschließen, wenn Sie einen guten Read haben und Ihren Gegner während der letzten Stunden divergierend eingeschätzt hatten. Zu wissen, was er nicht hat, kann oft genauso wichtig sein, wie zu wissen, was er als nächstes machen wird.
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